Sonntag, 9. September 2012

Ich würde dir Flügel schenken

„Was würdest du machen, wenn du frei wärst?“ Deine Stimme klingt rau und kratzig. Sie zittert, das Sprechen bereitet dir immer mehr Mühe.  
    Die Frau am Fenster dreht sich um. Sie sieht verwirrt aus, so als hätte deine Frage sie aus wichtigen Gedanken gerissen. Doch es dauert nur einen Augenblick, bis sie ihr Lächeln wiedergefunden hat. Das Lächeln, das sie immer aufsetzt, wenn sie dich ansieht.
    „Frei? Bin ich das denn nicht?“, lacht sie.
    „Nein, ich meine ... so richtig frei! Wenn du alles machen könntest, was du willst. Wenn einfach alles möglich wäre!“
    Die Frau überlegt.
    „Hmm, ich weiß nicht. Vielleicht auf eine einsame Insel fahren? Oder einfach nicht mehr zur Arbeit gehen und den ganzen Tag faulenzen?“
    „Das wäre schön“, sagst du. Deine Augen sehen wehmütig zum Fenster hinüber. „Dann könntest du mich in den Park fahren. Wir könnten Eis essen ...“
    Eine Träne verschleiert deinen Blick. Vielleicht ist es aber auch nur der trübe Nebel, der immer über deinen Augen liegt. Ich bin mir nie ganz sicher, ob du mich wirklich siehst.
    Die Frau am Fenster dreht sich weg. Nur für einen Moment. Dann lächelt sie wieder ihr einstudiertes Lächeln, das nur dir gilt. Das Lächeln, das alle Menschen aufsetzen, wenn sie mit dir reden.
    „Ich muss jetzt los, ich habe noch einen Termin. ... Du siehst müde aus. Willst du dich ins Bett legen?“
    „Nein, ich bleibe hier sitzen.“
    Sie beugt sich zu dir herunter, streckt ihre Hand aus. Aber kurz bevor ihre Finger deinen Kopf berühren können, hält sie inne, überlegt es sich anders. Du bist kein Baby, dem man den Kopf tätschelt. Daran musst du sie immer wieder erinnern. Vielleicht hat sie aber auch nur Angst, den spärlichen Haarflaum zu zerstören - das, was von deinen dunklen Locken übrig geblieben ist. Die Locken, in denen sie früher so gern ihre Nase vergrub, weil sie immer so gut dufteten.
    Schweigend geht sie zur Tür, dreht sich dann noch einmal um. Als sie bemerkt, dass du sie nicht ansiehst, verschwindet das Lächeln für einen Moment. Ihre Augen werden ernst. Sie wirken viel zu alt für ihr Gesicht. Müde. Genauso müde wie deine. Ob sie das weiß?
    „Bis morgen“, sagt sie, flüstert es fast. Dann hört man nur noch das leise Klicken der Tür, die ins Schloss gedrückt wird.
    Die Armlehnen deines Rollstuhls knarren, als du dich bewegst, um näher ans Fenster zu fahren.
    „Willst du wissen, was ich tun würde, wenn ich frei wäre?“
    Ich sitze auf deinem Schoß, du hast die Arme um mich gelegt, als müsstest du mich vor der Welt da draußen beschützen. So sicher wie bei dir fühle ich mich nirgendwo sonst. Zur Antwort lege ich meinen Kopf an deine Brust. Höre deinen rasselnden Atem.
    „Wenn ich könnte, würde ich ein Papierflugzeug bauen. Eins, das so groß ist, dass ich damit fliegen kann. Ich würde mich auf seine Flügel legen und abheben und ...“
    Du hustest. Es erschreckt mich schon lange nicht mehr, aber der Husten ist so heftig, dass ich fast von deinen Beinen rutsche. Doch du hältst mich fest. Du würdest mich niemals fallen lassen.
    Du streichelst über meinen Kopf und meinen Rücken hinab, bis wir uns beide beruhigt haben. Deine Hände sind kalt, trotz der Decke, die um deine Schultern liegt. Sie sind immer kalt. Außerdem zittern sie. Aber mich stört es nicht. Sie streicheln immer weiter, ganz sanft. Bis deine Stimme irgendwann zu dir zurückgekehrt ist.
    „Ich würde dich mitnehmen“, sagst du dann, als hätte dich der Husten nie unterbrochen. „Nur dich. Wir würden aus dem Fenster hinausfliegen und über die Straßen, bis unter uns alles immer kleiner wird. Wir würden uns einfach vom Wind tragen lassen. Wir würden ...“
    Deine Stimme verstummt wieder. Aber diesmal ist es nicht der Husten, der dich quält. Es sind die Gedanken. Du siehst mich nicht an, schaust weiter hinaus auf den Park, in dem die Kinder spielen. In dem auch wir so oft gespielt haben.
    Plötzlich setzt du den Rollstuhl zurück und fährst ihn ans Bett. Ich springe von deinem Schoß, weil ich weiß, dass du aufstehen willst. Du erhebst dich, ganz langsam, stützt dich auf deine zitternden Arme. Du verziehst das Gesicht vor Anstrengung und ich weiß, dass du Schmerzen hast. Aber du würdest sie niemals zeigen.
    Ich setze mich auf den Bettrand, während du unter die schwere Decke kriechst, dein Kopf versinkt tief im Kissen. In deinen Augen liegt wieder dieser feuchte Glanz, doch bevor eine Träne über deine Wange rinnen kann, drehst du das Gesicht zur Wand.
    „Wir würden bis zu den Sternen fliegen. Und nie wieder zurückkommen.“
    Deine Stimme ist nur noch ein ersticktes Flüstern. Dann schließt du die Augen. Kurze Zeit später höre ich nur noch deinen gleichmäßig ruhigen Atem.
    Ich springe vom Bett und nehme meinen Platz auf dem Fensterbrett ein, von wo aus ich dich am besten im Blick habe. Am liebsten würde ich meine Arme um dich legen, so wie du es immer bei mir tust. Stattdessen bleibe ich bei dir und lasse dich nicht aus den Augen.
    Draußen im Park toben immer noch die Kinder. Sie werfen sich einen Ball zu und laufen ihm nach, wenn sie ihn nicht fangen können. Sie haben Spaß.
    Mein Blick fällt zurück auf dich. Ich muss an früher denken.
    Wenn ich frei wäre - so frei, dass mir einfach alles möglich wäre - ich würde mir Flügel wachsen lassen. Flügel, groß genug, um uns beide zu tragen. Du könntest auf meine Schultern steigen und gemeinsam würden wir davonfliegen. Raus aus diesem Zimmer, das dich gefangen hält. Über die Straßen und Häuser und Parks und immer weiter, bis unter uns alles klein und unbedeutend wird. Bis zu den Sternen. Und irgendwann vielleicht auch wieder zurück.
    Wenn ich die Freiheit besäße, ich würde sie dir schenken.
    Aber ich kann dich nicht einmal in den Arm nehmen, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Kann dich nicht wärmen, wenn dein kleiner, schwacher Körper unter der Bettdecke anfängt zu zittern.
    Ich kann nur über dich wachen, während du schläfst. Ich kann mich neben dich auf das weiche Kissen legen, meinen Kopf an deiner Wange, und dir Träume ins Ohr flüstern.
    Ich kann dir zeigen, dass du nicht allein bist. Nicht mehr. So gern ich es auch wollte.
    Denn ich bin nur die Katze.

Kommentare:

  1. Einfach nur wunderschön! :)
    Die Geschichte hat mich wirklich berührt! Die Gefühle kommen einfach super rüber, die Worte sind alle wundervoll gewählt und alles erscheint einfach stimmig, richtig und schön. Schön und traurig. Und dass man erst so gegen Ende hin erfährt, wer eigentlich der Erzähler ist, ist wirklich interessant und auch süß zu erfahren. Und mal was ganz anderes. Eine wirklich sehr schöne Geschichte, die ans Herz geht und zu Tränen rührt, aber auch irgendwie glücklich macht... die Art, wie die Katze ihre kleine Besitzerin beschützt und ihr helfen will... so schön ergreifend und großartig, wie lieb das Kätzchen sein Frauchen hat.

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    1. Danke! Das freut mich zu hören. :)
      Ich finde es vor schön, zu sehen, wie unterschiedlich jeder Leser die Person auffasst, über die die Katze spricht. Als alten Mann, als Jungen, bei dir ist es ein kleines Mädchen. Sehr interessant.

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  2. Hm, ich weiß so im Nachhinein ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie ich auf das kleine Mädchen kam. Auf jedenfall hab ich ein Kind vor Augen, bei dem Kontext. Der kleine, schwache Körper unter der Bettdecke... die Anspielungen auf die Kinder, die im Park spielen, so als sei die Katze der Meinung, dass die Person genau da und nirgendwo anders auch sein sollte. Frei und unbeschwert. Vielleicht ist es auch ein kleiner Junge. Ich weiß es nicht. Aber eigentlich finde ich es auch ganz gut so, dass man nicht wirklich so genau sagen kann, um wen es geht und was genau los ist (auch wenn ich bei dem "was los ist" auf Krebs tippen würde...)In jedem Fall ist und bleibt es eine schöne, rührende Geschichte, die ich gerne gelesen habe und die dir gut gelungen ist! :)

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    1. Da hast du ziemlich gut "hingeschaut" beim Lesen. Ich hatte mir beim Schreiben alles genauso gedacht wie du es interpretiert hast. :)

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